Expeditionen

Peru - Expedition 2014

Nevado Chicon - Schlaflos im Reich der Götter

Inhalt

Warum Peru? Eine kleine Vorgeschichte.
Auswahl des Zielberges
Vorbereitung
Anreise und Akklimatisierung
Expedition
Fazit
Fakten: „Via del corazon“ am Nevado Chicon
Material Check

Warum Peru? Eine kleine Vorgeschichte.

Nach unserer erfolgreichen Kamtschatka-Expedition im April 2013 trennten sich vorläufig unsere Wege. Chris hatte sich dazu entschlossen seine bisherige Umgebung gegen das peruanische Hochland einzutauschen und ein Jahr für die Hilfsorganisation „Herzen für eine Welt“ zu arbeiten. Das Kernprojekt dieser Organisation ist Munaychay, ein Kinderdorf im südlicheren Teil Perus, inmitten der Cordillera Urubamba auf 3300m Höhe in den peruanischen Anden.

Somit waren wir als Seilschaft erst einmal getrennt, doch unser nächstes Ziel war dadurch auch klar definiert. Ein Gipfel in Peru, möglichst wild, möglichst steil und möglichst „next level“ für uns beide.

 

Auswahl des Zielberges

Neben der Koordination und Betreuung der Freiwilligen, sowie die technische Betreuung der Fischzucht, hatte Chris in Peru die Aufgabe ein mögliches Expeditionsziel für uns auszusuchen.

Hierfür besuchte er die bekannten Cordilleren Blanca und Huayhuash im Norden Perus. Dort standen eindrucksvoll die höchsten Gipfel Perus. Doch nach wie vor zählt für uns nicht die absolute Höhe eines Berges, vielmehr reizt uns das Unbekannte und Unbestiegene. Schnell war klar, dass der Spielraum hierfür in den bekannten Cordilleren begrenzt ist. Diese Berge sind weitestgehend erforscht und auf den verschiedensten Routen begangen. Also fokussierte Chris die Suche auf die kleineren und dafür unbekannteren Cordilleren. Immer wieder rückte dabei auch der 5526 Meter hohe Hausberg Chicon, vor den Toren Urubambas in den Mittelpunkt. Dieser wurde zwar schon bestiegen, allerdings nur über die verhältnismäßig einfache Nord-Seite. Die gesamte Süd-West-Wand war unbestiegen und stellte mit ihren bis zu 600 Meter langen Eisschläuchen ein lohnendes Ziel dar. Zudem war der Chicon dank seiner geographischen Lage bestens für vorab Erkundungstouren geeignet. Die herrschende Infrastruktur in den Alpen, mit einem ausgebauten und markierten Wegenetz ist in keinster Weise mit den Gegebenheiten in der Cordillera Urubamba zu vergleichen. Da bis heute die Cordillera beinahe keine touristische Nutzung erfährt, fehlt selbst ein einfach ausgebautes Wegenetz vollständig. Hier wissen meist nur die dort lebende Bergbauern und Einheimischen wie man an den Fuß eines Berges oder einer Wand kommen kann, bzw. welche möglichen Aufstiege es geben könnte.

Nach Recherchearbeiten und der Auswertung einiger Bilder stand unser Primärziel Ende Dezember 2013 fest. Unser Ziel war es eine möglichst direkte Route auf den 5400 m hohen Zentralpfeiler des Nevado Chicons zu eröffnen. Ein weiteres mögliches Ziel war die Besteigung des Südgipfels, zusammen mit einem einheimischen Bergsteiger, der diese Route ins Auge gefasst hatte. Zudem hatten wir uns vorgenommen ein paar Sportkletterrouten im „Heiligen Tal der Inkas“ einzubohren.

 

Vorbereitung

Schon vor unserer ersten Expedition 2013 war uns klar, eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Nach dem Motto „train hard, fight easy“ sollte auch die Vorbereitungszeit 2014 wieder stehen. Leider war dies gar nicht so einfach möglich. Durch Philipps duales Studium, das halbjährig den Wechsel zwischen unternehmensinterner Ausbildung und theoretischem Studium an der Ravensburger Hochschule vorsieht, war bis Ende März nicht an ein konsequentes und effektives Training zu denken. Ab April galt es innerhalb von nur zwei Monaten so viel wie möglich zu trainieren um bestmöglich vorbereitet zu sein. Vierstündiges Training pro Tag, viermal die Woche, aufgeteilt in Konditionstraining, Balance-Training, High-Intensiv-Training und Kraft- Ausdauertraining, führte gepaart mit Touren an den Wochenende zu einem guten Ergebnis in der physischen und psychischen Vorbereitung von Philipp. Chris hatte im Gegensatz hierzu zwar mehr Zeit, doch fehlte es ihm an geeigneten Trainingsmöglichkeiten und vor allem Trainingspartnern. Schlussendlich hatten wir beide dann aber alles dafür getan um möglichst fit zu sein. Des Weiteren koordinierten wir den Verlauf der Expedition, holten zusätzliche Informationen ein, kümmerten uns um Sponsoren und Unterstützer und glichen zusammengetragene Informationen per Internet ab.

Anreise und Akklimatisierung

Am 29. Mai startete unsere Expedition mit dem Flug von Philipp. Von München über Amsterdam, weiter nach Lima und anschließend nach Cuzco. Pünktlich am 30. Mai 2014 um 07:25 Uhr landete Philipp in Cuzco und wir fuhren mit dem Bus direkt nach Urubamba, hier konnten wir Chris Wohnung als idealen Ausgangsort für unser Vorhaben nutzen.

Angekommen auf 2880 Meter standen die nächsten Tage im Zeichen der wichtigen Akklimatisierung für Philipp. In der ersten Woche hatten wir kleinere Wandertouren in den Seitentälern des heiligen Tals unternommen, um Land und Leute kennenzulernen und vor allem den Körper an die Höhe zu gewöhnen. Meist führten uns die Touren auf über 4000 Meter Höhe oder wir waren beim Sportklettern auf knapp 3000 Meter anzutreffen. Ebenso nutzten wir die Zeit um erste Bekanntschaft mit unserem Zielberg zu machen, hierfür unternahmen wir eine Tagestour bis auf eine Höhe von 4800 Meter, dabei konnten wir vom gegenüber liegenden Felsmassiv direkt in die Süd-West-Wand des Nevado Chicon blicken und die möglichen Route studieren. Die Bedingungen schienen nicht besser sein zu können, wenig Niederschlag in der Regenzeit sorgte für wenig Schnee in den Wänden, gute Wetterbedingungen ließen bereits im Mai den Schnee tagsüber schmelzen und nachts zu Eis gefrieren. Somit waren viele Eislinien mit Einsetzen der kälteren Jahreszeit entstanden. Über die genauere Beschaffenheit konnten wir aus der Entfernung jedoch nur spekulieren.

Expedition

Bergtag 1, 06.06.2014, Erster Materialtransport
Endlich - nach einer Woche ausgiebigen Tagestouren nach dem Motto „hoch gehen, tief schlafen“ hatten wir das Gefühl gut an die Höhe gewöhnt zu sein und bereit für die kommenden Herausforderungen. Ebenso wie schon bei unserer Kamtschatka-Expedition war für uns klar, dass wir auf die Hilfe von Trägern verzichten möchten. In Peru entschieden wir uns dann auch dafür auf Lastentiere zu verzichten und alles aus eigener Kraft ins vorgeschobene Basislager zu befördern. Von unserem Ausgangspunkt, dem Kinderdorf Munayvhay, lagen 1600 Höhenmeter bis zu unserem vorgeschobenen Basislager auf 4900 Meter vor uns. Unser gesamtes Material, welches aus Verpflegung für eine Woche, Zelt, Schlafsäcke und Klettermaterial bestand, konnten wir in zwei Aufstiegen mit je 25 bis 30 Kilogramm schweren Rucksäcken bewerkstelligen. Also packten wir unsere Rucksäcke voll und trugen die erste Fuhre auf knapp 5000 Meter Höhe direkt unterhalb des Wandfußes an eine vor Stein und Eisschlag geschützte Stelle. Dort deponierten wir unser Material, erkundeten die Gegend nach möglichen Wasservorkommen und ließen die ersten Eindrücke von Steilheit und vor allem die Eis- und Schneeverhältnisse der Route auf uns wirken. Die von uns angestrebte Route führt durch ein Rinnensystem. Als wir direkt in die Route blicken konnten, bemerkten wir, dass unsere Annahmen zutrafen und sich erstaunlich viel Eis in den Rinnen befand. Zudem lag sie geografisch so optimal, dass sie beinahe den gesamten Tag im Schatten lag, was die Gefahr von Eis- und Felsschlag minimierte. Viele andere Einsteige in mögliche Routen waren dunkel gesprenkelt durch Fels- und Steinschlag. Zum ersten Mal konnten wir die mögliche Route in einzelne Passagen und detailliertere Abschnitt unterteilen. Die Zuversicht stieg, zumindest gab es Eis, was eine solide Absicherung versprach. Nachdem wir unser Material verstaut, und die Wand ausgiebig erkundet hatten, begaben wir uns mir den leeren Rucksäcken wieder auf den Abstieg. In Urubamba wartete ein ausgiebiges Essen auf uns.

 

Bergtag 2, 9.6.2014, Zweiter Aufstieg, Lager einrichten und Opfergabe an Pacha Mama
Jetzt wurde es ernst. Endlich - nach all der Vorbereitung, und dem Warten stand nun unserem Aufstieg ins vorgeschobene Basislager, um einen Gipfelversuch zu wagen nichts mehr im Wege. Etwas Besonderes wollten Chris und Philipp aber noch erledigen. Im Glauben der Peruaner haben die Götter ihren Sitz in den Bergen, besonders der mystische und hoch über Urubamba thronende Nevado Chicon gilt als mächtiger Sitz der Götter. Für uns Grund genug sich mit den peruanischen Gegebenheiten und Bräuchen zu identifizieren und einen einheimischen Schamanen mit in die Vorbereitung einzubinden. Mit seiner Hilfe war es uns möglich, nach altem Inkabrauch, die Götter, im speziellen, Pacha Mama (Mutter Erde) um Einlass ins Reich der Götter zu bitten. Ebenso baten wir um Schutz und heile Rückkehr. Ein Teil dieses Rituals fand in Chris Wohnung statt, dabei wurden typische Opfergaben wie Reis, Mais, Gold, Silber und Lamafett im Duft von Weihrauch und Kokablätter in ein Papier gewickelt, alles streng nach Regeln und Überlieferungen der Inkas.

Überwältigt von diesen Erlebnissen konnten wir uns am nächsten Morgen gemütlich auf den Weg zu unserem vorgeschobenen Basislager, kurz ABC (advanced base camp) machen.
Die Opfergaben waren nun in ein kleines Packet verpackt, welches mit ins ABC genommen werden musste um dort, möglichst nah an den Göttern in einer speziellen Zeremonie verbrannt werden zu können. Als wir nach kräftezehrendem Aufstieg unseren Lagerplatz erreichten, bauten wir das Zelt auf und richteten uns häuslich ein. Ein gemütlicher Platz mit atemberaubendem Blick auf unser Projekt und auf die umliegenden 5000er der Cordillera Urubamba.

Anschließend bereiteten wir das Ritual der Opfergabe vor. Wir entzündeten ein Feuer mit extra hochgetragenem Brennholz und legten die Opfergaben darauf. Währenddessen vergoss jeder von uns ein wenig Wein und Chicha (Maisbier) rund um das Feuer. Dabei stellten wir gedanklich unsere Bitten an den Apu Chicon (Gottheit des Chicon). Im Anschluss bedeckten wir das Ganze mit Cocablättern, sie bilden im Glauben der Inkas das Transportmittel um Bitten von Menschen zu Göttern zu übertragen.

 

Bergtag 3, 10.6.2014, Ruhetag und Auskundschaften des Zustieges
Nach der ersten Nacht auf knapp 5000 Meter Höhe haben wir den folgenden Tag erst einmal gemütlich angehen lassen. Das Wetter war wie die Tage zuvor traumhaft schön, so ließen wir uns ein ausgiebiges Frühstück in der Sonne und mit einem gigantischen Ausblick nicht nehmen. Mittags entschlossen wir uns den Zustieg zu unserer Route zu begutachten und ihn mit Steinmännchen zu markieren. Gesagt, getan - kurz darauf waren wir nur in Bergschuhen, T-Shirts und langen Unterhosen auf der Moräne unterwegs. Ein letztes Mal standen wir kritisch prüfend der Wand gegenüber, noch als Betrachter ohne jegliche Verbindung. Bald würde sich dies ändern, sobald wir eingestiegen waren, waren wir auch Teil dieser Route und somit Teil dieser Wand. Verbunden auf Zeit, mindestens solange bis wir ihr wieder entstiegen waren.

Am Nachmittag haben wir unser Equipment gecheckt und alles parat gelegt. Jeder mit den Gedanken bereits in der Route. Was wird uns erwarten? Wie werden die Verhältnisse sein? Wie die Schwierigkeiten? Werden sie für uns überwindbar sein, oder werden wir kläglich versagen und in unser Verderben rennen? Trotz den Fragen waren wir uns sicher, gut vorbereitet und fit zu sein. Wir stellten uns auf einen langen Tag ein. Um möglichst leicht unterwegs zu sein, hatten wir außer der persönlichen Kletterausrüstung, nur eine kleine Portion Nüsse, zwei Schokoriegel und einen Liter Tee für uns Beide ansonsten nichts weiter dabei. Kein GPS, kein Schlafsack, kein Kocher, kein Sattelitentelefon und selbst auf den zweiten Halbseilstrang verzichteten wir. Alle Sinne waren fokussiert und alles Handeln reduziert. Wir waren bereit und gingen früh schlafen.>

 

Bergtag 4, 11.6.2104, Einstieg in die Route
Nach einem kleinen Frühstück und reichlich Tee waren wir startklar, und wir standen mit den ersten Lichtstrahlen um ca. 6 Uhr am Einstieg. Chris gewann das Knobeln um die erste Seillänge. Nachdem wir das steile Zustiegsschneefeld hinter uns gelassen hatten legten wir vor der ersten Steilstufe das Seil an. Eine 5 bis 7 Meter hohe fast senkrechte Steilstufe (ca. M4 bis M5) galt es direkt zu Beginn zu überwinden. Danach gelangen wir durch Queren eines Schneefeldes an den Einstieg der Rinne. Es folgten 9 Seillängen direkt innerhalb der Rinne. Zu Beginn in idealen Verhältnissen. Kurze, sehr steile Blankeispassagen wechselten sich mit weniger steilen Softeispassagen ab und ermöglichten uns ein schnelles und gut zu sicherndes Vorankommen.

Im mittleren Wandteil erwarteten uns dann vier Seillängen in steilem, hartem Blankeis. Oft war das Eis nicht direkt am Fels aufliegend, teils war es hinterspült oder unterbrochen. Stellenweise war die Eisauflage nur wenige Zentimeter dick, was uns selbst mit kurzen 10 cm Eisschrauben eine nur unzureichende Absicherung bescherte. Links und rechts der Rinne war der Fels entweder kompakt und durch Lawinen ausgeschliffen oder so brüchig, dass man das Gefühl hatte, durch bloßes betrachten Steinschlag auszulösen. Konzentriert und fokussiert kletterten wir aber auch über diese Hürde hinweg. Anschließend gelangten wir über mehrere 50°-70° steile Firnfelder in eine Art Rinnensystem. Verzweigungen und weiter Eisschläuche stellten uns vor die Wahl des Weiterweges. Wir mussten uns entscheiden. Leider war dies gar nicht so einfach, denn von unserem Standort aus konnten wir bei keiner der möglichen Optionen mehr als zwei Seillängen einsehen. Wir entschieden uns für die rechte Variante.

Nach zwei langen Seillängen war Chris in einer Sackgasse angelangt, vor ihm türmte sich ein senkrechter Felsriegel auf, für uns nicht machbar. Rechts davon steilte das Gelände ebenfalls auf, allerdings ohne Eis, nur noch lockerer Schnee auf losem und brüchigem Gestein. Chris entschied sich wieder umzukehren und sich zu Philipp abzuseilen. Zweimaliges Abseilen an Abalakaovs war notwendig, damit Chris wieder auf Höhe von Philipp war. Anschließend seilten wir nochmals ca. 30 Meter bis zur Abzweigung ab. Wir entschieden uns nun für die linke Variante. Nach ca. 80 Meter standen wir wieder vor einer gewaltigen Steilstufe aus nacktem Fels, ca. 60 Meter hoch und meist senkrecht. Bereits jetzt war uns klar, dass unsere Route nicht über diese Steilstufe führen würde, der Fels sah extrem brüchig und schwer kletterbar aus. Eine Möglichkeit der Umgehung bot sich auf der linken und zugleich rechten Seite. Links oben war der Grat zu erkennen der zum Gipfel führte, rechts öffnete sich ein Rinnensystem. Philipp entschied sich nach links auf den Grat aus zu queren. Von nun an veränderte sich die Kletterei schlagartig. Von passablen Eis- und Schneeverhältnissen war nichts mehr zu sehen. Uns erwartete loses Gestein, angepudert von losem Schnee. Verlässliche Sicherungsmöglichkeiten gab es kaum noch, und die Gefahr von Steinschlag stieg extrem an. In zwei heiklen Seillängen querten wir auf den Grat, es war wahrhaft ein Tanz auf Eiern. Die Absicherungsmöglichkeiten in diesem zusammengefrorenem Schutthaufen waren alles andere als verlässlich. So konnten wir beim Schlagen von Haken zusehen, wie sich mit jedem Hammerschlag der Riss in dem der Haken platziert war nach und nach verbreiterte. Mobile Sicherungsgeräte wie Friends oder Klemmkeile verfehlten aufgrund der schlechten Felsqualität oft ihre Bestimmung. Eisschrauben waren ohne vorhandenem Eis nicht einsetzbar, ebenso konnten wir unsere Firnanker getrost am Rucksack lassen, der oft meterhohe Pulverschnee verflüchtigte sich bei der kleinsten Berührung und rutschte ins Bodenlose. Doch was blieb uns anderes übrig, als die Flucht nach oben? Ohne verlässliche Absicherungsmöglichkeiten kam ein Rückzug durch Abseilen, einem Selbstmordkommando gleich. Ebenso stellte Abklettern bei diesen Voraussetzungen keine mögliche Alternative dar. Diese zwei Seillängen waren technisch gesehen nicht schwer für uns, was uns zu schaffen machte, war die absolute Gewissheit bei einem Fehler mitsamt dem Partner abzustürzen. Dennoch meisterten wir auch diese mental anspruchsvollen Seillängen.
Am Grat angelangt war zum ersten Mal der Blick frei zum Gipfel, nur noch getrennt durch einen schmalen Schneegrat und einer Felssteilstufe. Es war bereits 17:30 Uhr und somit sehr spät. Uns wurde bewusst, dass vor uns noch ein sehr langen Tag bzw. eine lange Nacht liegen wird. Nach drei weiteren Seillängen über den Grat standen wir fix und fertig um 19:00 Uhr auf dem stockdunklen 5490 Meter hohen Zentralpfeiler des Nevado Chicon. Unsere Hoffnungen auf der Rückseite einen flachen Abstieg zu finden, lösten sich im fahlen Licht der Stirnlampen auf. Unsere einzige Möglichkeit bestand darin dem schmalen und brüchigen Grat weiter nach Norden zu folgen und über den Hauptgipfel den Abstieg anzutreten. Nach 1 ½ Stunden heikler Kletterei über den Grat war für uns an ein Weitergehen nicht mehr zu denken. Im Licht der Stirnlampe war es extrem schwierig den möglichst einfachsten Weg über den Grat zu bestimmen. Fels- und Schneepassagen wechselten sich ab und verschmolzen zu einem nicht überschaubaren Anblick. Wir entschieden uns für ein Notbiwak auf 5486 Meter Höhe. Bis hierher waren wir ohne große Pause 14 Stunden unterwegs gewesen, wir hatten weder etwas gegessen noch getrunken. Unsere Kräfte waren zu Ende und wir konnten kaum noch etwas in der Dunkelheit erkennen. Unterhalb eines großen Felsblockes, geschützt von eventuellem Steinschlag, schlugen wir eine kleine flache Ebene in die ostseitig ausgerichtete Firnflanke. Mit unserem Gurt über Bandschlingen an zwei Firnanker gesichert, legten wir die überflüssige Ausrüstung ab und versuchten es uns so bequem wie möglich zu machen. Unser Seil diente als Isomatte, der Biwaksack als Behausung. Den Durst unserer Kehlen stillen wir mit Tee. Nur unser Essen suchten wir verzweifelt. Die wenigen Nüsse und Schokoriegel blieben in den Tiefen des Rucksacks unauffindbar. Es war ein langer Tag. Gesichert und angekuschelt versuchten wir in der sternenklaren Nacht auf 5490 Meter einzuschlafen.

 

Bergtag 5, 12.6.2014, Gipfelüberschreitung und Abstieg
Die ersten Sonnenstrahlen waren wie ein Geschenk der Natur nach dieser Nacht. An festen Schlaf war nicht zu denken gewesen. Zu tief drang die Kälte in die Knochen und durchzog den Körper. Ohne vernünftige Biwakausrüstung waren wir aber doch heilfroh, dass es nicht noch kälter gewesen war. Hätte das Wetter umgeschlagen oder wäre gar ein Sturm aufgekommen, wir wären richtig in der Patsche gesessen. Kurz nachdem die ersten Sonnenstrahlen uns berührten, setzten wir unsere durchgefrorenen Gliedmaßen in Bewegung um über den Grat auf den Hauptgipfel zu gelangen. Vor uns lagen noch mehr als drei Kilometer brüchige Gratkletterei. Nachdem es unmöglich geworden war verlässliche Sicherungen anzubringen, haben wir uns, um einen Seilschaftsabsturz zu vermeiden, dazu entschieden, den Rest des Grates seilfrei zu gehen. Zudem waren wir dadurch auch ein wenig schneller unterwegs. Um 11:34 Uhr, nach fast genau fünf Stunden Gratkletterei erreichten wir den 5526 Meter hohen Hauptgipfel des Nevado Chicon. Hinter uns lagen anstrengende und nervenaufreibende Stunden. Überglücklich und froh, dass uns nun einfacheres und bekanntes Gelände erwartete, sollte uns der Abstieg vor keine Probleme mehr stellen. Im Abstieg querten wir Schnee- und Geröllfelder und umrundeten das gesamte Bergmassiv Richtung Norden. Chris kannte diese Route von einer früheren Besteigung. Mittlerweile stand die Sonne hoch über uns und brannte mit voller Wucht auf uns herab. Wir hatten seit mehr als 17 Stunden nicht mehr getrunken. Da standen wir auf einem Gletscher rings um uns herum gefrorenes Wasser und unsere Hälse schmerzten und waren so trocken das wir nicht mehr richtig sprechen konnten. Das gesamte Schmelzwasser floss unter dem Eis, für uns nicht sichtbar und nicht erreichbar. Schnee essen half nur begrenzt, da es die restlichen verbliebenen Mineralien im Körper, ähnlich wie destilliertes Wasser, ausspülte.
Nachdem wir den Gletscher verlassen hatten und bereits deutliche Anzeichen von Dehydrierung aufwiesen, war unser nächstes Ziel eine alte und verlassene Bergbauernhütte auf 4300 Meter Höhe mit Zugang zu einem kleinen Bach. Chris hatte hier schon ein paar Mal genächtigt. Also setzten wir alle Hoffnung daran auch dieses Mal hier wieder Wasser zu finden. Doch als wir die Hütte erreicht hatten, waren die in der Regenzeit gefüllten Wasserlöcher leer und das Bachbett trocken. Wir spürten wie wir langsam immer müder und schlapper wurden, jeder Schritt kostete viel Kraft und Überwindung. Doch wir hatten wieder einmal keine andere Wahl als weiter zu gehen. Nach gerade einmal 100 Höhenmetern erreichten wir einen kleinen Pass, dennoch waren wir durch den kleinen Aufstieg völlig fertig. Auf dem Pass standen wir vor der Entscheidung, einen Anstieg von 500 Höhenmetern durch unbekanntes Muränengelände in Richtung vorgeschobenes Basislager (ABC) zu nehmen, oder ins Tal abzusteigen, wo es nach einer Stunde sicher Wasser geben würde. Zu diesem Zeitpunkt waren wir mehr als 30 Stunden unterwegs, hatten nichts mehr gegessen und nur wenig getrunken. Wir waren völlig fertig und entschieden uns ins Tal abzusteigen.
Nach einer Stunde spürten wir zuerst den höheren Sauerstoffpartialdruck und erreichten dann endlich den Fluss. Mehr als 20 Stunden war unser letzter Schluck Tee her. Der erste Schluck kaltes Wasser war ein unbeschreibliches Gefühl.Nun konnten wir auch unsere Elektrolytlösung aus dem Erste-Hilfe-Set auflösen und endlich trinken. Nach weiteren zwei Stunden erreichten wir um kurz vor 19 Uhr das Kinderdorf Munaychay aus dem wir ursprünglich gestartet waren. Seit wir am Tag davor um 05:15 Uhr unser Lager verlassen hatten waren fast 38 Stunden vergangen. 38 Stunden in denen wir hoch konzentriert waren und nie wussten was die nächste Seillänge oder der nächste Schritt bringen würde. Endlich waren wir wieder an einem Ort, wo wir uns sicher fühlen konnten. Langsam viel die Anspannung ab und Euphorie und Freude über das Erreichte und Überlebte machte sich breit. Doch zum Feiern waren wir noch viel zu müde. Nach viel Tee, Cola und ein wenig Essen gingen wir müde und sehr dankbar zu Bett.

 

Bergtag 6, 17.6.2014, Erneuter Anstieg ins vorgeschobene Basislager (ABC)
Nach einigen Tagen in Urubamba mit wenig Regeneration und viel Party, motivierten wir uns, um unsere Rucksäcke erneut 1600 Höhenmeter in unser vorgeschobenes Basislager zu tragen. Unser zweites Ziel war eine Route auf den Südgipfel, den einzigen Gipfel des Nevado Chicon, den wir im Zuge der Gratüberschreitung nicht erreicht hatten. Der Anstieg fiel uns erstaunlich schwer. Das lag vermutlich zum einen an der mangelnden Regeneration und zum anderen an der gesunkenen Motivation.

 

Bergtag 7, 18.6.2014, Ruhetag und Auskundschaften der Route auf den Südgipfel
Den darauffolgenden Tag nutzten wir wieder als Ruhetag um den Zustieg zur Route auszukundschaften. Selbst diese kleine Zustiegstour empfanden wir als sehr anstrengend und kräfteraubend. Wir fühlten uns irgendwie nicht fit…

 

Bergtag 8, 19.6.2104, Abstieg
Am frühen Morgen klingelte der Wecker, der Einstieg in die Route war geplant, doch Philipp hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und hatte Fieber und Schüttelfrost. Ohne Diskussion entschieden wir uns zusammenzupacken und den Abstieg mit allen unseren Sachen anzutreten. Da wir durch unsere Materialtransporte viel mehr Material hier oben hatten als in zwei Rucksäcke gepasst hätte, bauten wir uns aus unseren Trekkingstöcken und dem Biwaksack eine Art Trage mit dessen Hilfe wir zusätzlich Material tragen konnten.

 

Fazit

Nach unserer erfolgreichen Erstbegehung am Chicon waren wir froh wieder gesund und munter in Urubamba bei einer Tasse Kaffee sitzen zu dürfen. Dabei waren die Blicke auf die Gipfel gerichtet, auf denen wir vor gut einer Woche geschlafen hatten und herumgeklettert sind. Wir haben das erreicht, was wir uns gewünscht und vorgestellt hatten. Wir durften ins „Reich der Götter“ eintreten und es wohlbehalten wieder verlassen. Unser Dank gilt all denen die uns für diese grandiose Peruexpedition unterstützt haben. Nur durch eure Hilfe war das Alles möglich. Rückblickend können wir sagen, diese Tour war für uns beide definitiv „next level“. Noch nie zuvor haben wir vergleichbares Neuland betreten. Art, Länge, gesamte Höhe und Ernsthaftigkeit, haben diese Route zu etwas ganz Besonderem gemacht. Unsere Route trägt den Namen„Via del corazon“ (Herzenslinie). Nach der SAC-Hochtourenskala haben wir sie mit TD+ bewertet. Die Abschnitte im Mixedklettern würden wir mit M5+ angeben und zudem die reine Felskletterei mit UIAA 5 bewerten. Aufgrund der schlechten Absicherungsmöglichkeiten im mittleren und oberen Wandteil haben wir auch einen Ernsthaftigkeitsbewertung vorgenommen.
Nach dem Bewertungskonzept von Robert Jasper (www.robert-jasper.de/fileadminredaktion/pdf/vorschlag-e-bewertung.pdf) ergibt sich die Bewertung E5.

 

Fakten: „Via del corazon“ am Nevado Chicon:

TD+ / M5+ / V / E5

Wandhöhe 550 Meter, Kletterlänge bis zum Gipfel des Zentralpfeilers 600 Meter,
Gratlänge ab Zentralpfeiler ca. drei Kilometer, Hauptgipfelhöhe 5526 Meter.

Material:
  • gesamte Steileisausrüstung
  • 10 Eisschrauben
  • 1 Set Klemmkeile
  • 1 Sets Camalots Größe 0,2 bis 2
  • 10 Schlaghaken (Hartstahl)
  • Biwakausrüstung mit Kocher zu empfehlen
  • 2x Halbseil 60 Meter
  • 2x Firnanker
Beste Jahreszeit vermutlich Juni / Juli


Material Check:

Auf dieser Tour haben wir teilweise auf bewährtes Equipment zurückgegriffen und auch neue Materialen getestet. Hier möchten wir einen kleinen Überblick über unser Highlights geben:

Hardware:
Schuhe: Nepal La Sportiva und Grand Jorasses Pro GTX, Scarpa
„Für mich sind die Jorasses eine perfekte Kombi aus Gewicht, Steifheit fürs Klettern und Wärmeisolierung. Sie sind für mich erste Wahl wenn es um Winterbergsteigen oder Besteigung von Bergen bis 6000 Meter geht. Gerade in technisch anspruchsvollen Passagen kann der Jorass bei mir durch seine schmale und angepasste Form punkten.“
„Mein absoluter Lieblingsschuh auf Hochtouren jeglicher Art ist der Nepal EVO von la sportiva. Die geniale Passform ermöglicht mir unter allen Verhältnissen ein präzises Antreten der Tritte, egal ob mit Steigeisen oder ohne. Beim Laufen bietet er aber immer noch genügend Tragekomfort und kann aus Gründen des Übergepäcks auch mal auf einem Langstreckenflug getragen werden. (Das Ausziehen der Schuhe sollte dann aber in Absprache mit dem Nebensitzer geschehen)

Gamaschen, Texapore, Gaiter, Jack Wolfskin
„Ich war vorher eigentlich kein Fan von Gamaschen, aber diese haben mir gut gefallen. Sie liegen eng an und es ist fast unmöglich ein Loch mit den Steigeisen in die Gamasche zu reißen. Zudem lassen sie sich schnell an-oder ausziehen. Bevor ich die Gamaschen hatte musste ich meine Hosen eigentlich immer wieder flicken.“

Steigeisen, Lynx, Petzl
„Einfach nur gut, ich liebe die Vielseitigkeit. Egal welchen Schuh ich mitnehme das Lynx passt immer. Die Option von Dualzacken auf Monozacken umzubauen ist goldwert und gleichzeitig spart sich der Schwabe einen Zacken;-)“

Eisgeräte, Quark und Nomic, Petzl
„Topware“, beim Quark überzeugt mich der auf jede Handgröße einstellbare Griff, egal mit welchen Handschuhen ich klettere,- das passt. Das ist beim Nomic zwar nicht so, dafür ist das Nomic in steilem Eis durch seinen gebogenen Schaft unschlagbar. Ebenso überzeugt Quark beim technischen Bergsteigen. Dank gutem Hammerkopf ist das Schlagen von Haken einfach zu bewerkstelligen.“

Rucksack, Moutaineer 40l, Jack Wolfskin
„Davon sind wir überzeugt, der hält was er verspricht. Er hat zwar kein sehr großes Volumen aber für das Bergsteigen im Alpinstil super geeignet. Er hat alle Vorrichtungen die man zum Anbringen des schnell wechselbaren Kletterequipments benötigt, Tasche für Steigeisen, Eisgeräte, Seil, Ski, Helm,… Sein gutes Tragesystem lässt auch schwere Materialtransporte zum ABC zu. Ist der Rucksack voll bepackt, haben wir zudem von dem großen Reisverschluss profitiert. Er ermöglicht uns einen schnellen Griff ins Rucksackinnere ohne alles auspacken zu müssen.“

Bekleidung:
Jacke, High Amperage Jacket, Jack Wolfsin
„Von dieser Jacke waren wir echt überrascht. Sie hat einen sehr angenehmen Tragekompfort. Beim Klettern geht sie alle Bewegungen mit. Sie war in der Eistour vollkommen wasserdicht und im anstrengenden Zustieg super atmungsaktiv. Mich überzeugt das Taschensystem, vor allem habe ich die große Brusttasche benutzt, um mal schnell ins Topo zu schauen oder die Handschuhe zu verstauen, um sie kurz darauf wieder rauszuholen, weil man sichern wollte.“

JFleece, Rock Sill Jacket, Jack Wolfskin
„Das hatte ich fast immer an. Als legeren Hoodyersatz oder als zusätzliche Isolierungsschicht in unserer Eistour. Die Kapuze passt problemlos unter den Helm und deine Ohren sind immer vor dem kalten Wind geschützt. Mit dieser Kapuze kannst du dir die Sturmmaske sparen.“

Hose, High Amperage Pants, Jack Wolfskin
“Diese Hose konnte in dieser Tour ihre Qualität beweisen. In den zwei schweißtreibenden Aufstiegen bewies sie ihre super Atmungsaktivität unterstützt von den Lüftungsschlitzen. Im unteren Teil konnten ihr die fiesen Dornenbüsche und Kakteen durch die wir uns teilweise kriechend bewegten Nichts anhaben. Meine Beine waren immer top geschützt. Wir trugen sie ebenfalls beim Klettern in Schnee und Eis. In Kombination mit den Gamaschen hat das super geklappt und der fehlende Schneefang in der Hose wurde ersetzt.“

Zustiegsschuhe, Terrex Scope GTX, Adidas
„Diese Schuhe haben mich in jedem Gelände voll überzeugt vom Freizeitschuh, über Wandern, Trekking bis hin zu leichter Zustiegskletterei kann er alles. Robust, bequem, wasserdicht und dank der Stealth-Sohle mit perfektem Grip. Selbst Sportklettern im oberen 6ten Grad ist damit leicht möglich. Außer auf nassen Keramikböden, wie in Schwimmbädern oder in Duschen, haftet die Sohle. Aber dafür gibt es ja auch Adiletten ;-)“

Basecamp:
Schlafsack, Antarctica, Jack Wolfskin
„Sehr guter Schlafsack, war für unsere Temperaturen fast zu warm, aber war mal sehr angenehm nicht zu frieren. Das er keinen Reisverschluss hat, war zu Anfang gewöhnungsbedürftig, aber dafür hatte man im oberen Bereich viel Platz um sich frei zu bewegen. Man konnte sich problemlos in dem Schlafsack umziehen. In Notfällen würde sogar eine zweite Person (Freundin) Platz darin finden, in diesem Fall hat man sich ja schon lieb ;-)„

Isomatte, SynMAt UL 7M, Exped
„Wie immer der treue Begleiter, wenn es um die Frage geht wo ist mein Schlafplatz, sei es in Russland, in den Anden oder auf den Flughäfen dieser Welt.“

Kocher, OmniFuel Ex, Primus
„Mein bester Freund wenn es ums Kulinarische geht. Einfach super robust und zuverlässlich. Bringt immer seine Leistung. In Verbindung mit einem Topf von GSI-Outdoor unsere erste Wahl.“